Große Erwartungen – Charles Dickens: eine Rezension

04-grose-erwartungenAutorin Charles Dickens
Titel Große Erwartungen
Hardcover/Softcover Ausgabe
Seitenzahl 574 Seiten
Verlag dtv – Verlag
ISBN 3423142642
Preis 12,90€ bei amazon
Genre Klassiker, Verschwörung, Liebe, Slice-of-Life
Erschienen 1. November 2013

Inhalt

Der Waisenjungen Pip, der mit vollem Name eigentlich Philip Pirrip heißt, wächst bei seiner älteren Schwester und deren Mann Joe Gargery, dem Schmied auf. Obwohl seine Zukunft bereits für alle klar in der Schmiede als Lehrling liegt, wendet sich das Blatt eines Tages.
Doch die Geschichte steigt ein, als Pip aus Furcht vor dem selbigen, einem entflohenen Gefangen notgedrungen Essen und eine Feile bringt.
Wenige Wochen nach diesem Ereignis möchte die im Ort ansässige reiche Miss Havisham Pip als Spielkamerad für ihre Adoptivtochter Estella. Er besucht in regelmäßigen Abständen das Satis-Haus und ist beeindruckt von der Schönheit Estellas und der Trauer Miss Havishams. Vor Beginn seiner Lehrzeit werden die Besuche beendet und Joe bekommt das Lehrgeld für Pip als Belohnung.
Als er bereits einige Jahre als Lehrling in der Schmiede arbeitet, wird ihm vom bekannten und gefürchteten Anwalt Mr Jaggers mitgeteilt, dass er aufgrund eines Gönners »GROSSE ERWARTUNGEN« hat. Er wird nach London geschickt, um richtig ausgebildet zu werden. Den Namen seines Gönners darf er erst an seinem 18. Geburtstag erfahren. In London findet er einen guten Freund in Herbert Pocket, einem Verwandten Miss Havishams. Als an seinem 18. Geburtstag sein Gönner plötzlich vor seiner Tür steht, verändert sich alles und das Leben, das er bis dahin geführt hat, ist nicht mehr wie es einmal war.

Meine Meinung

Meine Ausgabe von Charles Dickens scheinbar reifsten und geschlossensten Werk, hab ich für ca. 5€ bei einem Kölner Antiquariat gefunden, der so niedlich war und sogar an Allerheiligen offen hatte. Der Deutsche Taschenbuchverlag war scheinbar der Meinung, das weniger auf jeden Fall mehr ist. Schlicht dunkelviolett mit großen weißen Lettern in Arial und in der Mitte ein mit zarten Strichen gezeichneter Kronleuchter. Guckt ganz nett aus, aber es soll ja auch noch schönere Ausgaben geben, wie so ziemlich bei jedem Buch.

»Kinder erleben nichts so scharf und bitter
wie die Ungerechtigkeit.«

Ansonsten ist das Buch ebenso schlicht gehalten: Enge kleine Schrift und schlichte Kapitelüberschriften, die einfach auf den Titel n. Kapitel hören. (Das mit dem n ist schon komisch. Würde das irgendjemand machen, der keine vermaledeites Mathematik in der Schule hat?)
Die Geschichte im Umschlag ist eben, wie oben erzählt, wenngleich mit der Wendung wohl kaum einer gerechnet hat. Aber es ist eben ein Klassiker. Die wählt man ja nicht unbedingt aus, weil einen die Beschreibung so anspricht, nein man versucht nur herauszufinden, was Generationen vor einem so für dieses Buch begeistert hat. Warum wurde das gehyped und weswegen sollten auch wir noch wissen, was darin stand. Warum wird dieser Autor so oft zitiert? Deswegen lesen wir Klassiker. Sicher nicht wegen der Spannung.
24-pipDie Charaktere sind aber wohlgeformt. Pip, unsere Hauptfigur, der große Erwartungen hat, ist dieser durch fehlende Bildung mittelmäßig intelligente Junge, der Angst vor der Wut seiner Schwester hat und eigentlich nie etwas anderes erträumt hat in seinem Leben, als sein bis dahin vorgesehenes Schicksal. Bis er entführt wird, in dieses geheimnisvolle Welt der Schönen und Reichen, in der nichts und alles zählt und in der man zu oft träumt. Und ab diesem Zeitpunkt beginnt auch Pip zu träumen und ist früher oder später mit der Realität nicht mehr so zufrieden. Nicht umsonst zögert er keinen Moment, als es zu dem Angebot kommt, dass er die Welt sehen darf. In London angekommen und im Besitz eines ungemeinen Vermögens wird er zum intelligenten Lebemann, der in Clubs geht und sich selbst einen Gentleman nennt. Bezug zu Frauen hat er bisweilen nicht im sexuellen Rahmen, denn trotz einiger Exzesse, bleibt sich Pip moralisch treu. Zum Ende des Buches, als sein Gönner sich zu erkennen gibt und alle seine Träume zunichte gemacht sind, blickt er zurück auf sein gelebtes Leben und bereut, dass er die Menschen, die ihn so freundlich behandelt hat nicht ebenso bedacht hat.

»Der Himmel weiß, dass wir uns niemals
unserer Tränen schämen müssen, denn
sie sind der Regen auf den blind machenden Staub der Erde,
der über unserem harten Herzen liegt. «

Ab diesem Zeitpunkt stehen diesem jungen Mann noch viel größere Erwartungen bevor, denn er hat eine ungewisse und abenteuerreiche Zukunft vor sich. Und welche größeren Erwartungen können wir schon haben im Leben?
Joe und seine Frau, Pips Schwester sind einfache Leute. Wenngleich Mrs Joe Gargery die Hosen anhat im Hause. Im Buch erleidet sie einen schweren Unfall, durch einen Überfall und wird nie wieder ganz sie selbst. Joe ist einer der gutmütigsten und freundlichen Personen der Welt, die es leider im echten Leben viel zu selten gibt.
Miss Havisham hat ein trauriges und gleichzeitig merkwürdiges Schicksal wiederfahren. Sie wurde am Traualter stehen gelassen und hat dieses Trauma nie ganz überwunden. Wobei das noch eine Untertreibung wäre. Diese Frau hasst Männer wie die Pest und bringt das auch so ihrer Adoptivtochter bei. Es gibt einen Raum im Satishaus, in dem die Tische noch für die Hochzeit gedeckt stehen und auch die vergammelte Hochzeitstorte noch steht. Jahre nach der ausgefallenen Hochzeit. Eine wirklich gebrochene Frau.
Herbert, Pips guter Freund und einer von den immer frohen Freunden dieser Erde. Mit einem Gemüt und einem 100-Watt Lächeln. Er ist auf der Suche nach Arbeit, während des 2 Teils des Buches. Und das nennt er »sich umschauen«. Putzig, oder?
Und dann wäre da noch ESTELLA.

Das Mädchen in Pips Träumen. Bildschön und wunderbar, aber mit einem Herzen, so kalt wie Stein. Oder vielmehr gar nicht vorhanden, wie sie selbst immer sagt. Wie eine Statue. Ein Werk der Miss Havisham, welche im Gegensatz immer noch über Gefühle verfügt. Estellas große Erwartungen sind so gut wie nicht vorhanden, denn das Mädchen kann keine Erlösung finden, weil sie nichts begehrt oder mag.
Im Schreiben hat Dickens wohl wirklich Anerkennung verdient. Er schreibt lebendig und anschaulich, vermittelt die Anwesenheit bestimmter Personen und Gegenstände mit den richtigen Worten und lässt uns die Liebe zum wundebaren deutschen Satzbau wieder aufleben.

Der Autor

Für viele Leser ist der Name Charles Dickens verbunden mit dessen „Lieblingskind“ „David Copperfield“ (1849-50). Geboren wurde Dickens 1812 als Sohn eines Marinezahlmeisters in Landport bei Portsmouth. Nach zunächst glücklicher Kindheit musste er schon früh Geld verdienen, weil sein Vater zwei Jahre im Schuldgefängnis saß. Der junge Charles arbeitete in einer Schuhwichsfabrik, war Schreiber in einer Anwaltskanzlei und Journalist. Mit Zeitungsgründungen und durch das Schreiben von Romanen und Geschichten wurde er schnell erfolgreich und berühmt. Die Leser mochten seine anfangs humorvollen, später eher düsteren Romane, die das Leben in der englischen Mittel- und Unterschicht kritisch beschrieben. Dickens war verheiratet und hatte 10 Kinder. Er starb 1870 nach einem Schlaganfall.

Fazit: Dieses Buch mag vielleicht keine enormen Spannungen und Adrenalinsprünge in unserem Herzen auslösen, aber es ist durchaus lesenswert. Eben ein Klassiker. Man liest ihn nicht unbedingt, um sein Herz laut schlagen zu hören, sondern viel mehr aus der Liebe zur Literatur. Aus der Liebe zum Lesen und aus der Liebe zum Wort an sich.

Bewertung:
Plot : ✪✪✪/5✪
Cover : ✪✪✪/5✪
Charaktere : ✪✪✪✪✪/5✪

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2 Gedanken zu „Große Erwartungen – Charles Dickens: eine Rezension

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